Der Schmerz kommt langsam verteilt auf Jahre - Der Schmerz bleibt heimlich, für immer...

 

Viele Jahre konnte ich nicht darüber sprechen.

Viele erahnten es, einige wussten es, aber keiner verlor ein Wort darüber.

Jetzt bin ich endlich gesund und kann darüber reden. Ich möchte darüber reden.

 

Bevor ihr jetzt diesen seitenlangen Text lesen müsst, wollt ihr sicher erst einmal wissen, was mir gefehlt hat?

Na gut, dann mal kurz: Ich litt unter Selbstverletzenden Verhalten, Depressionen und einer Essstörung.

 

Es begann, als ich ca. 13 Jahre alt war. Ich fühlte mich schlecht. So schlecht, dass ich plötzlich den Drang hatte, mir selbst Schmerzen zuzufügen. So goss ich mir zum ersten Mal heißes Wachs über meine Arme. Manche denken jetzt vielleicht: „Heißes Wachs, dass ist doch gar nicht so schlimm…“ Und ja, das Selbe empfand ich auch nach kurzer Zeit. Der Schmerz war nicht stark genug, den Schmerz, der in mir tobte zu überdecken. Und so ging ich den ersten fatalen Schritt in Richtung jahrelanger Selbstverstümmelung.

Ich griff zur Zirkelspitze und ließ sie über meinen linken Arm gleiten.

 

Dadurch verschlimmerte sich meine seelische Lage. Ich fühlte mich einsam, ausgeschlossen, ungeliebt - obwohl ich von Freunden und Familie umgeben war. Und doch war ich innerlich alleine. Ich zog mich Stück für Stück immerweiter zurück. Baute eine große, graue Mauer um mich herum. Innerlich war ich vom Schmerz zerfressen, äußerlich sah man es mir nur anhand meiner Narben und Wunden auf meinen Armen an. Ich spielte fröhlich und nicht einmal meine Eltern dachten, dass mich irgendetwas so schnell umhauen könnte.

Freunde, Lehrer und meine Eltern sprachen mich auf meine komischen Verletzungen an den Armen an, doch meine Ausrede „das war meine Katze“ wurde von allen akzeptiert. Von meinen Eltern wohl am meisten, da sie etwas anderes nicht wahrhaben wollten.

 

Dezember 2003 war ich abends auf einer Feier und obwohl ich dort viele Freunde traf und ich eigentlich auch meinen Spass hatte, kippte meine Stimmung abrupt in tiefe Traurigkeit und Einsamkeit. Wie ein Nebel legte sie sich um mich. Vor mir sah ich eine zerbrochene Flasche liegen und hob die Scherben auf. Ich ging auf die Toilette und schnitt mir damit in den Arm. Zum ersten Mal kam sofort Blut und ich war richtig froh, dass ich mich endlich mal sofort blutig geschnitten habe. Ich lief aus dem Klo mit dem blutigen Arm direkt meiner Freundin Lenchen in die Arme, die das natürlich sofort checkte und mich erstmal kräftig schimpfte, mit mir weinte und mich ärztlich versorgte. Sie wusste als Einzige was mit mir los war und dass ich schon seit Jahren mir die Arme aufritzte.

Fortan waren Scherben mein liebstes „Spielzeug“.

Viele Jahre dachte ich, ich wäre allein mit meinem Problem. Und plötzlich stieß ich auf eine Seite im Internet. Sie hieß „Rote Tränen“. Alles, aber wirklich ALLES was dort stand, sprach mir aus der Seele und plötzlich hatte meine Gier auf Schmerzen einen Namen: Selbstverletzendes Verhalten (SVV).

Und was mich noch viel mehr erstaunte war, dass es dort ein Forum gab mit hunderten angemeldeten Benutzern, denen es genauso ging wie mir! Endlich war ich nicht mehr allein auf der Welt mit meinen Gefühlen und Gedanken.

Ich habe mich Monate ausführlich über dieses Thema informiert bis ich mich entschlossen habe, selbst eine Seite über diese Krankheit zu eröffnen. So entstand meine Homepage „Seelenschmerz“.

Diese Homepage war mein erster Schritt in die Öffentlichkeit und es dauerte nicht lange bis meine Eltern davon mitbekamen. Es war ca. 2002 oder 2003 als sie von meiner Krankheit erfahren haben. Sie waren tief bestürzt und wollten mir mit allen Mitteln helfen, was nicht immer gelang. Die erste Zeit war es sehr schwierig für mich damit klar zukommen, dass meine Eltern nun auch über alles bescheid wussten.

Alles wurde schlimmer.

Von dem heißen Wachs zur Zirkelspitze – von den Scherben zum Cutter und zuletzt zu der Rasierklinge und den eigenen Schlägen ins Gesicht.

Es sollten noch einige Jahre vergehen, bis ich endlich Hilfe fand.

In der Zwischenzeit begann ich 2002 meine Ausbildung zur Sekretäranwärterin im mittleren Dienst, was meine ganze psychische Situation noch viel mehr verschlechterte. Plötzlich war ich kein „Kind“ mehr. Ich war Erwachsen und musste Entscheidungen treffen, selbstständig sein und war sozusagen „ganz allein da draußen“.

Es war eine sehr harte Umstellung von der Schulzeit in die Arbeitswelt.

Noch schlimmer war es jedoch, dass ich während meinen 3 Jahren Ausbildung in eine schlimme Depression gestürzt bin.

Ich habe während meiner Ausbildung kaum etwas gearbeitet. Ich durfte nur Drecksarbeit wie kopieren, Ablage, Botendienste u. ä. machen. Die meiste Zeit hatte ich nicht einmal einen eigenen Arbeitsplatz oder einen PC zur Verfügung und musste mich mit kleinen Abstelltischen zu Frieden geben. Menschenunwürdig!

Ich habe meine ganze Kraft gebraucht um den Tag vorübergehen zu lassen. Ich musste ja trotz all dem 42 Stunden die Woche arbeiten und das egal ob ich nun was zu tun hatte oder nicht. Ich hab den meisten Tag damit verbracht, meine Lehrbriefe und Berufsschulunterlagen auf der Arbeit durchzugehen. Gelernt habe ich dabei nichts. Welcher Mensch kann sich auch schon 9 Stunden auf das Gleiche konzentrieren?

Der schlimmste Moment kam, als ich bei der ersten Abschlussprüfung durchgefallen bin und sich meine Ausbildung um ein weiteres Jahr verlängert hat.

Zu diesem Zeitpunkt war ich mit meinen Kräften ziemlich am Ende. Ich hatte keine Lust mehr morgens aufzustehen. Ich hatte keine Zukunftsperspektive mehr und alles was mich interessierte war, wie ich jeden neuen Tag am schnellsten vorbeigehen lassen könnte.

Kurz bevor ich den Abgrund hinab gerutscht wäre, griff mir meine Mutter unter die Arme und brachte mich zu einer Nervenärztin. Diese stellte schwere Depressionen fest und empfahl mir eine Verhaltenstherapie zu beginnen. Zusätzlich bekam ich noch Antidepressiva verschrieben.

Schon 1 Monat später hatte ich eine Therapeutin gefunden, bei der ich mich danach fast 2 Jahre in Behandlung befand.

Ich freute mich sehr und dachte, jetzt wird alles besser, doch der Erfolg kam nur sehr langsam. Zu langsam, als dass er mir aufgefallen wäre.

Das bemerkte meine Therapeuten natürlich auch und sie sah keine andere Chance mehr, als mir einen stationären Klinikaufenthalt zu verschaffen. Ende 2005 war ich somit über 2 Monate in einer Klinik am Chiemsee untergebracht. Und dort kam eine weitere Krankheit zum Tageslicht: Binge Eating, eine Essstörung bei der eine große Menge an Essen wahllos hineingestopft wird und anders wie bei Bulimie Kranken nicht erbrochen wird. Dies führt in der Mehrheit der Fälle zu starkem Übergewicht, bis hin zur Fettsucht.

Und endlich wurde mir einiges klar. Ich wurde so unglücklich und es war so langweilig auf meiner Arbeit, dass ich mich versuchte mit Essen zu trösten. Ich aß normal am Essenstisch, doch heimlich stopfte ich mir hinterher noch zahlreiche Kalorien hinein. Während meiner Mittagspausen kaufte ich mir Unmengen von Lebensmittel, die ich danach am Arbeitsplatz verspeiste. Das war der Einzige Moment, in dem es mir auf der Arbeit ein wenig gefallen hat.

In der Klinik lernte ich wieder normal mit dem Essen umzugehen und man zeigte mir, wie groß eine normale Portion ist. Ich führte viele therapeutische Gespräche und der Abstand von Zuhause und von der Arbeit tat mir richtig gut. Ich blühte auf und mir ging es von Tag zu Tag besser, so dass ich gar nicht mehr nach Hause wollte.

Doch leider kam auch hier der Tag des Abschiedes und ich wusste, dass ich bald wieder auf die verhasste Arbeit musste. Auch wenn ich während des Klinkaufenthaltes nichts abgenommen hatte, so kam ich wenigstens mit der Diagnose „leichte Depressionen“ (und nicht mehr wie bei der Einlieferung mit „mittelschweren Depressionen) nach Hause.

Daheim erfuhr ich gleich, dass ich meine Abschlussprüfung bestanden habe und meine berufliche Zukunft etwas mehr abgesichert war.

1 Jahr arbeitete ich noch als Angestellte im Arbeitsamt. Ich war zwar nicht glücklich, aber mir ging es besser, denn ich hatte einen Arbeitsplatz und ein eigenes Aufgabengebiet für welches ich zuständig war. Januar 2007 endete mein Arbeitsvertrag und ich konnte mich nach einem neuen Job umschauen. Insgeheim war ich überaus glücklich, endlich nicht mehr zu dieser Arbeit zu müssen. Ich war froh, endlich nicht mehr die gleichen, blöden Gesichter Tag ein Tag aus sehen zu müssen. Endlich war ich „frei“!

Ende 2006 lernte ich dann im Internet meinen jetzigen Freund kennen. Kurz vorher leistete ich meine allerletzte Therapiestunde ab.

Seit jenen Tagen geht es mir wieder so gut, dass ich nun eine Zukunft habe. Ich freue mich, wenn mich morgens die Sonne weckt. Ich erfreue mich an dem Leben und der Welt.

Ich konnte alles verhasste und schmerzende hinter mir lassen.

Ich habe noch einmal neu angefangen. Ich habe einen neuen Job, der mir sehr gut gefällt. Ich habe einen Freund, der mich über alles liebt und mit dem ich mein restliches Leben verbringen werde und das Wichtigste: Ich leide weder an Depressionen, noch verletze ich mich selbst. Ich habe 10 kg abgenommen und mein Essverhalten umgestellt. Ich bin offener geworden, kann reden, lachen….

 

Ich habe es geschafft.

Ich bin endlich wieder gesund!

 

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